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Die Fremden - Teil 1
200330 Kodo Vale
Es ist ein kühler Frühlingsmorgen. Die warmen, goldenen Sonnenstrahlen, die mit der kürzlich aufgekommenen Sonne ihren Ursprung fanden, dringen, immer stärker werdend aber mit ihrer gewohnten Sanftheit, durch das dicke Blätterwerk des dichten Waldes. Mit dem Aufgehen der glühenden Sonne, erwacht auch der Wald zu neuem Leben. Diese beruhigende und friedvolle Szenerie wird jäh durch hektische, herannahende Schritte unterbrochen, die einem geübten Hörer schon früh das folgende verraten: Jemand hetzt, wie von Geistern gejagt, durch den Wald und schreckt gerade mit diesem Tun jene Tiere auf, die sich schon bei den kleinsten Gefahren in bergenden Schutz begaben.

Der Junge, dessen Schritte ihn eilends durch den Wald beförderten, konnte, ja durfte nicht einen Augenblick an die Bewohner des Waldes denken. Zu wichtig ist seine Aufgabe, die ihm der oberste, spirituelle Führer seines Dorfes aufgetragen hatte. Eine Aufgabe, die sein Vater und sein Vaters-Vater bereits übernommen hatten. Eine Aufgabe, die auch ihn endlich zu einem vollwertigen Mitglied ihrer Gemeinschaft machen wird und dazu befähigt, eine verantwortungsvolle Position innerhalb des Dorfes einzunehmen. Und nun, nach langem Warten und rastloser Sehnsucht, war sein Tag gekommen – nun würde er selbst diesen Schritt gehen, seine Seele für die Welt und das Dorf erwachen lassen und mit einer ihm anvertrauten, lebenslangen Aufgabe, dem Dorf und seinen gesamten Vorfahren große Ehre erweisen zu dürfen.

Zur selben Zeit erlaubt diese langjährige Tradition es ihm, nun selbst eine Frau zu nehmen, und mit ihr eine Familie zu gründen. Dann würde es an ihm, dem Erster seiner Familie, liegen, die großen Geschichten und Traditionen des Dorfes an seine Sprösslinge weiterzugeben. Er würde seinen Kindern vom Weltgeist erzählen, der sich in der Natur und dem Himmel verbirgt, und jenen im Dorf Weisung und Führung gibt, die ihn am dringendsten benötigen. Und indem er den Weltgeist in sich aufnimmt, würde er sich in das große Ganze einfügen und ein Teil der Welt und allen Bewohnern darin werden.

Doch bevor er all dies tun konnte, muss er diese tödliche Prüfung meistern: Die schwierige und gefährliche Reise zu ihrem heiligsten Berg unternehmen, den Gipfel erklimmen und dort so lange ausharren, bis ihm der Weltgeist ein Zeichen, ein beliebiges Zeichen, geben würde. Ein wahrlich heimtückisches Unterfangen, sind doch in all den Generationen dieser Welt, nicht alle Jünglinge von diesem Unterfangen zurückgekehrt. Viele aus dem Dorf sind der Ansicht, dass jene Verschollenen die große Erleuchtung gefunden haben und sich im Weltgeist aufgelöst hätten. Andere wiederum hegen den grausamen Verdacht, dass sie ein schmackhaftes Opfer der Tiere wurden. Und manch einer ist heimlich davon überzeugt, dass diese den langen und mühseligen Weg nicht überlebt hätten, und aus Angst vor Schande einem anderen Dorf angeschlossen haben. So oder so, sie alle müssen dem Tod in seine dunklen Augen blicken und dienen dem Weltgeist auf ihre je eigene Art und Weise.

Doch ihm, nein. Ihm würde das nicht passieren – zu lange hat er sich auf diesen Moment vorbereitet. Zu lange träumt und fiebert er diesem Tag entgegen. Nun ist er da, und rennt schon einige Zeit seinem Ziel unentwegt entgegen. Der Gipfel naht und bis jetzt ist es ihm gelungen, jegliche Hindernisse auf seinem Weg zu überwinden. Mühsam erreicht er schließlich den Berg, einem unwirklichen und harten Felsen. Ein Symbol für die Clans auf dem Planeten, welche trotz all der Feindseligkeiten untereinander und Härten dieser Welt, in seinem Schatten überleben können und meistern was auch immer das Leben ihnen entgegenwirft. Und sie sind überzeugt: Der Weltgeist schützt und leitet sie gerade in diesen wichtigen Momenten.

Auf dem Gipfel des Berges angekommen – ein mühsamer und gefahrvoller Weg, verschärft in seiner Tödlichkeit durch die sich nun einschleichende Müdigkeit, geht nun zu Ende – richtet sich der junge Mann einen kleinen Schlafplatz ein. Und nur wenige Augenblicke später, legt sich die goldene Sonne wieder schlafen, sanft hinter dem Horizont verschwindend und den Jungen mit sich, dem Berg und dem nun sichtbar werdenden Sternenhimmel allein lassend. Die Nacht ist erwartungsgemäß ruhig und dient nun vor allem zur Erholung und Rast.

Doch in der zweiten Nacht, trägt sich nun zu, was niemand erwartet: Zunächst spürt der Junge nur eine plötzliche Anspannung, ein unangenehmes Gefühl, das ihm die Brust eng macht und die Luft zuschnürt. Alsbald befällt ihn eine unheilvolle Vorahnung und veranlasst ihn je dazu, den Sternenhimmel genauer zu studieren. Nicht selten hat er in seinem Leben den Sternenhimmel gesehen. Und auch der Meteoritenschauer, der nun zu sehen ist, ist auch kein ungewöhnliches Phänomen zu dieser Jahreszeit, das wussten schon die Kleinkinder im Dorf. Er weiß nicht wonach er sucht, nur seine Intuition, die ihn dazu leitete. Es vergehen Augenblicke der Ewigkeit, bevor er endlich erkennen kann: Zwei Feuerschweife, kurz hintereinander, lösen sich unvermittelt aus dem Meteoritenschauer, beide Richtung Boden stürzend. Sie trudeln, dabei verglühend je schneller sie zu Boden stürzen und schießen in einiger Distanz am Berg vorbei. Doch die Richtung, in die sie abstürzen, verstärkt das beklemmende Gefühl im Jungen: Denn sie stürzen in der Nähe seines Dorfes ab.

Auf dem Gipfel in Hilflosigkeit versinkend, weiß er nicht was tun, reglos auf dem Gipfel stehend und den eigenartigen, metallenen Meteoriten hinterher starrend. Erst ein sanfter Wind vermochte es, ihn aus seiner Starre zu befreien. Der Junge stürzt plötzlich los, sein Lager, aber nicht das brennende Schauspiel, vergessend und prescht die Flanke des Berges hinunter. Nach kurzer Zeit erreicht er wieder den düsteren Wald, nimmt dieses Mal keine Rücksicht auf den Weg, den seine Schritte wählen, sodass Äste und Sträucher ihn an Beinen und Armen verletzen, nicht langsamer werdend und immer gen Dorf sprintend. Ein ganzer Tag vergeht und je näher er dem Dorf kommt, desto mehr verstärkt sich das düstere Gefühl, diese grausame Vorahnung in seiner Brust, ob er wohl noch alles so vorfinden würde, wie er es seit seiner Geburt vor 17 Mondzyklen kennen und lieben gelernt hatte.

Schließlich erreicht er sein Dorf und erstarrt in Schock: Der Wind, der ihn nun seit dem Gipfel stets begleitet und angetrieben hatte, überbrachte ihm jetzt eine schreckliche Wahrheit und Gewissheit, die ihn wie ein Schatten verfolgt hatte: Eine dunkle, voller Leid und Schrecken durchdrungene Rauchwolke, hängt über dem Dorf als Zeichen der Verwüstung…